INTERVIEW

Paradigmenwechsel in der radiologischen Weiterbildung?

Radiologinnen und Radiologen steht auf conrad, der digitalen Lernplattform der DRG, das Lernangebot „Blended Learning Mammadiagnostik“ zur Verfügung. Es besteht aus einer vom Universitätsklinikum Würzburg digital und interaktiv aufbereiteten Fallsammlung, die die AG Mammadiagnostik der DRG zertifiziert hat. Kürzlich hat die Bundesärztekammer die Musterweiterbildungsordnung modifiziert und festgelegt, dass bis zu einem Drittel der in der Weiterbildung zu bearbeitenden Fälle durch eine digitale und von der Landesärztekammer akzeptierte Fallsammlung erbracht werden dürfen. Unter anderem über dieses Novum haben wir mit Univ.-Prof. Dr. med. Thorsten Bley, Dr. Stephanie Sauer und Dr. Sara Christner vom Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Würzburg gesprochen, die das Projekt „Blended Learning Mammadiagnostik“ initiiert und umgesetzt haben. Prof. Bley und Dr. Sauer haben wir auch zu dem von ihnen verfassten „Whitepaper Weiterbildung in der bildgebenden und interventionellen Mammadiagnostik“ befragt.

Univ.-Prof. Dr. Thorsten Bley © PrivatKürzlich ist das „Whitepaper Weiterbildung in der bildgebenden und interventionellen Mammadiagnostik“ erschienen. Darin ist auch von einem Paradigmenwechsel in der Weiterbildung die Rede. Was ist damit gemeint?
Professor Bley: Wir meinen, dass die Einführung alternativer Weiterbildungsformen in der Radiologie notwendig ist, wobei wir hier vor allem an das Blended Learning denken - digitale Medien und digitale Lernformen werden gemischt mit dem Lernen an der Patientin oder dem Patienten, also dem herkömmlichen radiologischen Lernen. Bei uns in Würzburg war es bis vor einiger Zeit so, dass die Weiterzubildenden sechs Monate in die Mammadiagnostik rotierten, um die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten zu erlangen. Dabei entschied der Zufall, welche Krankheiten die in dieser Zeit vorstelligen Patientinnen mitbringen und somit von den Weiterzubildenden während ihrer Rotation zu befunden waren. Nun, mit unserer strukturiert aufgebauten Mammafallsammlung, lernen die Weiterbildungsassistentinnen und -assistenten anhand eines breiten Spektrums von insgesamt 500 Mammografie-Befunden mit einfachen bis komplizierten, häufigen bis seltenen Pathologien die Mammadiagnostik kennen, bevor sie in die eigentliche Rotation starten. Während der Rotation werden dann die weiteren geforderten eintausend Mammabefunde im Rahmen der Patientenbehandlung gestellt. Unsere Fallsammlung und Mammadatenbank ermöglicht somit einen viel besser vorbereiteten Start in die Rotation als früher.

Dr. Stephanie Sauer © PrivatWelche im Whitepaper enthaltenen Vorschläge für die Weiterbildung in der Mammadiagnostik sind bereits erfüllt?
Dr. Sauer: Erfüllt hat sich sicherlich im klinischen Alltag für uns das, was Professor Bley in Bezug auf unsere Fallsammlung bereits ausgeführt hat. Darüber hinaus geht es uns in dem Konsensuspapier um Weiterbildungskooperationen, etwa die Zusammenarbeit mit Screening-Zentren oder kleineren Häusern und die Frage, wie man weitere Kurse und Kursformate bereits in der Weiterbildungszeit nutzen und qualitätsgesichert gestalten kann. Gerade in Hinblick auf anstehende Reformen im Gesundheitssystem, die auch maßgeblich die Optionen in der Weiterbildung beeinflussen werden, ist es notwendig breit aufgestellt zu sein. Speziell mit der Fallsammlung haben wir in Würzburg eine moderne didaktische Idee für den Bereich der Weiterbildung adaptiert, was für uns neben weiteren Punkten auch der Anlass war, das Whitepaper mit den zugehörigen Fachgesellschaften wie DRG, CAFRAD, KLR, Forum Junge Radiologie und BDR zu erstellen. Bemerkenswert ist, dass die Fallsammlung in der Zwischenzeit bei der Bundesärztekammer Anklang gefunden hat und bereits in der letzten Novelle der Musterweiterbildungsordnung im Juni 2023 schriftlich fixiert wurde, dass bis zu einem Drittel der Fälle durch eine von der Landesärztekammer akzeptierte Fallsammlung wie unsere erbracht werden dürfen; in der Mammadiagnostik 500 Fälle. Das ist ein absolutes Novum und sehr erfreulich, dass es so schnell umgesetzt wurde. Wir haben diesen Schritt vor etwa 1,5 Jahren Jahr parallel zur Veröffentlichung unserer Fallsammlung angestoßen.

Dr. Sara Christner © PrivatWelchen Stellenwert hat Ihre Fallsammlung in der Weiterbildung?
Dr. Christner: Unsere Fallsammlung ist bei uns hier in Würzburg zu einem integralen Bestandteil in der Mammaweiterbildung geworden. Ich will sie kurz näher beschreiben: Die Fallsammlung ist zweigeteilt. Der erste Teil wird vor der Rotation in die Mammadiagnostik absolviert und besteht aus hundert Fällen, die aufwändig aufbereitet sind. Die Weiterzubildenden lernen damit selbständig digital in ihrem eigenen Tempo daheim oder in einer Freistellung. Begleitend dazu gibt es fünf Grundlagenvorträge, die den Einstieg erleichtern, sodass man weiß, was man auf den Bildern sieht. Der zweite Teil besteht aus 400 Routinefällen, die begleitend zur Rotation in der Mammadiagnostik bearbeitet werden. In dieser Zeit liegt der Fokus auf der Weiterbildung vor Ort. Hier ist es wichtig, das klinisch Erlernte anzuwenden und zu vertiefen, vor allem die Handlungskompetenzen wie die Handhabe der Mammasonografie, der Markierungen, Biopsien etc., was digital nicht möglich ist. Als wichtigen Bestandteil unseres Konzeptes haben wir eine regelmäßig stattfindende interaktive Präsenzveranstaltung etabliert, in der wir schwierige Fälle aus dem Online-Kurs gemeinsam und auch interdisziplinär mit Kolleginnen und Kollegen etwa aus der Gynäkologie vor Ort besprechen. In Würzburg bemerken wir durch dieses Konzept einen deutlichen Wissensvorsprung bei den Weiterzubildenden, zu Beginn der Mammarotation.

Wie und von wem sollten aus Ihrer Sicht weitere Vorschläge für die Einrichtung von Weiterbildungskooperation umgesetzt werden?
Dr. Sauer: Das ist eine essenzielle Frage. Letztlich sind alle Beteiligten gefragt, Ideen zu entwickeln und zu prüfen, was vor Ort umsetzbar ist. Eine konkrete Blaupause wird es wahrscheinlich nicht geben und für die Rahmenbedingungen sind letztlich auch die Juristinnen und Juristen zu befragen. Aber es gibt bereits Initiativen wie etwa der Landesärztekammer Schleswig-Holstein oder den Mustervertrag der DeGIR zu Kooperationsverträgen, die zur Orientierung genutzt werden können. In unserem Whitepaper werden zudem zwischen DRG und BDR konsentierte Kriterien genannt, um die Anforderungen für Kooperationen in der Mammadiagnostik aufzuzeigen. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um die konkrete Umsetzung mit den jeweiligen Landesärztekammern abzusprechen. Wenn man diese einheitliche, überregional konsentierte Grundlage hat, ist schon viel gewonnen, damit lokale Konzepte entstehen können.

Schauen wir in die Zukunft. Wie sieht diese Ihrer Ansicht nach für die Weiterbildung in der Mammadiagnostik aus? Und: Könnten die in Ihrem Whitepaper gemachten Vorschläge auch für andere Bereiche der Radiologie richtungsweisend sein?
Professor Bley: Bei uns ist die Zukunft, was die Mammaweiterbildung angeht, schon Realität geworden und fester Bestandteil in der Weiterbildung. Das Blended Learning-Konzept kann auch für andere Bereiche der Radiologie angewendet werden. Ein gutes Beispiel ist das Simulator-Training für angiografische Interventionen. Diese Trainings setzen wir hier in Würzburg in Kooperation mit der Kardiologie bereits um. Der nächste konsequente Schritt wird sein, dass die Vorbereitung von Interventionsrotationen durch Weiterzubildende ebenfalls durch ein strukturiertes Lehrprogramm an Simulator-Trainings durchgeführt wird. Wichtig bei der Implementierung neuer Lernformen ist, sich mit der zuständigen Landesärztekammer abzustimmen. Wir haben das bei der Mammadatenbank sehr intensiv gemacht. Zusätzlich haben wir die Qualität unserer Fallsammlung und Datenbank durch die AG Mammadiagnostik der Deutschen Röntgengesellschaft fachlich überprüfen lassen. Das war eine Qualitätskontrolle, die die Bayerische Landesärztekammer sehr schnell bewogen hat, 500 Fälle anzuerkennen, und nun auch die Bundesärztekammer.

Zu den Personen

Univ.-Prof. Dr. med. Thorsten Bley ist Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Würzburg, Dr. Stephanie Sauer und Dr. Sara Christner sind dort als Oberärztinnen tätig.
Hier gelangen Sie zu conrad, der digitalen Lernplattform der DRG, und zur Fallsammlung "Blended Learning Mammadiagnostik".
veröffentlicht am Montag, 11. September 2023