INTERVIEW

„Unser Lern-Konzept ist digital, real und interaktiv“

Radiologinnen und Radiologen steht auf conrad, der digitalen Lernplattform der DRG, ein neues Lernangebot (Premium-Kurs) zur Verfügung: Das „Blended Learning Mammadiagnostik“. Es besteht aus einer vom Universitätsklinikum Würzburg digital und interaktiv aufbereiteten Fallsammlung. Die AG Mammadiagnostik der DRG hat die Fallsammlung zertifiziert und dabei alle Fälle einzeln geprüft entlang der von ihr entwickelten Kriterien für die Zertifizierung von Fallsammlungen. Über das „Blended Learning Mammadiagnostik“ haben wir mit Univ.-Prof. Dr. med. Thorsten Bley gesprochen, an dessen Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Universitätsklinikum Würzburg das Konzept entwickelt wurde. Das Ziel war dabei, den eigenen Weiterbildungsassistentinnen und -assistenten mit Einverständnis der Landesärztekammer Bayern die Möglichkeit zu geben, die in der Weiterbildungsordnung definierten Richtzahlen im Bereich Mammadiagnostik in Teilen digital anrechnen zu lassen.

Univ.-Prof. Dr. Thorsten Bley © Universitätsklinikum WürzburgHerr Professor Bley, die Musterweiterbildungsordnung nennt für die Weiterbildung angehender Radiologinnen und Radiologen eine Richtzahl von 1.500 Fällen in der Mammadiagnostik. Lässt sich daraus ihre besondere Relevanz in der Radiologie herauslesen?
Die hohe Zahl der geforderten Untersuchungen in der Weiterbildung ist zunächst einmal der Relevanz der Mammadiagnostik, aber noch mehr den spezifischen Anforderungen bei der Durchführung und Interpretation der Mammographien zuzuschreiben. Es werden dabei mikroskopisch kleine Strukturen gesucht, für die man eine ganz besondere Sensitivität entwickeln muss. Hinzu kommt, dass nicht nur diese kleinen Strukturen, der Mikrokalk, gesucht werden, sondern auch Überlagerungen im Weichgewebe der Brust von pathologischen Befunden unterschieden werden müssen. Das erfordert eine immense Erfahrung, die durch Training anhand zahlreicher Untersuchungen erlangt werden kann.

Dr. Stephanie Sauer © Universitätsklinikum WürzburgSie haben mit einem Team in Ihrem Institut das Konzept „Blended Learning Mamma-diagnostik“ entwickelt. Was waren Ihre Beweggründe, hier initiativ zu werden?
An dieser Stelle möchte ich ein großes Lob an meine beiden Oberärztinnen in der Mammadiagnostik, Frau Dr. Stephanie Sauer und Frau Dr. Sara Christner, aussprechen: Die beiden haben dieses Projekt initial entwickelt und dann mit mir abgesprochen. Lassen Sie mich mit der Initialzündung beginnen: Das Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie in der Uni Würzburg leite ich seit achteinhalb Jahren. In dieser Zeit haben wir eine Ausweitung unseres Spektrums und unseres Untersuchungsvolumens erfahren und dazu auch einen erheblichen Personalaufbau gehabt.

Die gestiegene Zahl an Weiterbildungsassistentinnen und Weiterbildungsassistenten stellte uns vor das Problem, dass wir nicht mehr allen eine 6-monatige Rotation innerhalb der 60-monatigen Weiterbildungszeit ermöglichen konnten, um eine fundierte Ausbildung inklusive dezidierter Mammadiagnostik zu erhalten. Für das „Blended Learning“-Konzept wurden 500 Fälle ausgewählt, welche das gesamte Spektrum der Pathologien abdecken und vor allem die ersten 100 Fälle intensiv annotiert. Es wurden hierzu die jeweils auffälligen Strukturen markiert und der gesamte Fall schrittweise didaktisch aufgearbeitet, wie es in fallbasierten Lehrbüchern geschieht. Wir haben für jeden der 500 Fälle Hintergrundinformationen zu Anamnese und ggf. pathologischem Befund recherchiert sowie detaillierte Beschreibungen des Befundes und eine konzentrierte Zusammenfassung hinzugefügt.

Dr. Sara Christner © Universitätsklinikum WürzburgEin Fall bedeutet bei uns immer die komplette Untersuchung einer Patientin, ggf. mit mehreren unterschiedlichen Untersuchungsverfahren wie Sonographie, Mammographie inklusive Tomosynthese und MRT. Somit wird auch das volle diagnostische Spektrum abgedeckt. Das „Blended Learning“-Konzept wird in unserem Institut so umgesetzt, dass die Assistentinnen und Assistenten die 100 intensiv aufgearbeiteten Fälle digital am Computer im Selbststudium erarbeiten bevor sie in die Mammadiagnostik rotieren. Begleitend stehen insgesamt fünf Vorträge der beiden Kolleginnen zur Verfügung, die einen Überblick über die Grundlagen geben und somit den individuellen Einstieg erleichtern sollen. Dann kommen vier bis sechs Monate der klinischen Anwendung der Mammographie, der Sonographie, der Punktion, der Drahtlokalisation und der MR-Mammographie im Rahmen der Rotation dazu.

Während dieser vier bis sechs Monate werden die bereits erlangten Kenntnisse in der Patientinnenversorgung vertieft und die weiteren 400 digitalen Fälle gelöst, sodass am Ende 500 digital präsentierte Patientinnenfälle von den Assistentinnen und Assistenten gelöst werden. Dazu gibt es eine Präsenzveranstaltung mit weiteren didaktischen Vorträgen und interaktiven Besprechungen, in denen man komplizierte Fälle wie in einer klinischen Konferenz besprechen kann. Unser Konzept ist digital, real und interaktiv. Unsere Assistentinnen und Assistenten decken so 500 Fälle und damit einen Teil der geforderten Fallzahlen ab. Der Nutzen des Konzepts besteht auch darin, dass nicht mehr der Zufall entscheidet, welche Mammographien während der persönlichen Rotationszeit zu lösen sind. Die Fälle wurden gezielt ausgewählt, so dass seltene, häufige, schwierige und leichte Fälle in einem guten Mix angeboten werden.

Prof. Dr. Evelyn WenkelProf. Dr. Evelyn Wenkel© DRGZertifizierungen von Fallsammlungen

Um eine hohe Qualität und damit auch Anerkennung von Online-Fallsammlungen durch die Ärztekammern sicherzustellen, bietet die AG Mammadiagnostik eine Zertifizierung an. Die im Rahmen von „Blended Learning Mammadiagnostik“ aufbereiteten Fälle wurden entsprechend entlang der definierten Kriterien unter der Leitung von Prof. Dr med. Evelyn Wenkel, Vorsitzende der AG Mammadiagnostik, zertifiziert.


Wenn auch Sie eine Online-Fallsammlung anbieten möchten oder dies planen, können Sie sich gerne mit der AG Mammadiagnostik  in Verbindung setzen und eine solche Zertifizierung beantragen.

Hat die Bayerische Landesärztekammer Ihr Konzept von Anfang an uneingeschränkt unterstützt oder mussten Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?
Bevor wir die ersten Aktivitäten unternommen haben, bin ich in Kontakt mit der Bayerischen Landesärztekammer getreten und habe unsere Idee vorgestellt. Daraufhin kam eine offene Antwort und wir haben das Konzept ausgearbeitet. Die Ärztekammer hat die Vorteile des Konzepts sofort verstanden und zunächst für die Dauer der Pandemie unterstützt. Nun wird mein nächster Schritt sein, das Konzept auch für die Zeit nach der Pandemie sicherzustellen und zu erreichen, dass auch dann 500 Fälle von den derzeit 2.000 Fällen in Bayern von der Ärztekammer akzeptiert werden. Das Signal aus den Einzelgesprächen mit Vorstandsmitgliedern war positiv, aber das ist natürlich noch kein Entscheid.

Seit Kurzem können DRG-Mitglieder über „conrad“ das „Blended Learning Konzept“ und die Fallsammlung nutzen. Wie sieht Ihre Kooperation mit „conrad“ und der DRG aus?
Ich kannte conrad und wusste, dass damit eine tolle technische Infrastruktur existiert. Ich habe mich dann an den damaligen Präsidenten der DRG, Professor Gerald Antoch, gewandt. Er war begeistert und hat die Win-Win-Situation für die DRG und uns gesehen. Natürlich habe ich auch die Hoffnung, dass das Label „DRG“ und die Zertifizierung durch die AG Mammadiagnostik zu der Akzeptanz des Konzeptes beitragen wird. Wer in „conrad“ die Fälle aus der Fallsammlung bearbeiten will, muss sich bei der Plattform anmelden und erhält eine Zugangsberechtigung. In „conrad“ gibt es ein Footprint-Tracking, wenn Sie so wollen. Wir können sehen, welcher Fall gelöst wurde und welcher nicht. Wir wollen nicht sehen, ob er richtig oder falsch gelöst wurde, sondern nur, dass alle 500 Fälle gelöst sind. Dann gibt es ein Zertifikat. Außerdem wollen wir die oben beschriebene Präsenzveranstaltung künftig auch für die Interessierten anbieten, die sich über „conrad“ mit den 500 Fällen beschäftigt haben.

Sehen Sie Anknüpfungspunkte Ihres „Blended Learning“-Ansatzes an das Thema Nachhaltigkeit? Etwa in dem Sinne, dass man so qualitativ hochwertige Weiterbildung und damit eine zukunftsfeste Ausbildung für den Nachwuchs sicherstellt?
Ein klares Ja. Ich würde es sogar ergänzen: Man kann mit diesem Ansatz möglicherweise die talentiertesten Studierenden und junge Kolleginnen und Kollegen für unser Fach begeistern, weil wir innovativ sind, IT einsetzen und somit zukunfts- und ausbildungsorientiert sind. Denn das wollen alle jungen Kolleginnen und Kollegen: eine fundierte Ausbildung! Das ist übrigens auch mein Ziel in der Lehre: Auch in der klassischen studentischen Lehre setzen mein Team und ich einen großen Fokus auf das Ziel, die Besten für unser Fach zu begeistern. Das hat in den letzten achteinhalb Jahren auch sehr gut geklappt. Wir haben schon zweimal den Lehrpreis der Medizinischen Fakultät erhalten und tatsächlich eine sehr gute Nachwuchssituation mit motivierten und hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Bley.

Zum Hintergrund des Konzepts "Blended Learning Mammadiagnostik"

Der Deutsche Ärztetag hat 2018 eine Musterweiterbildungsordnung verabschiedet, die unter anderem auch eine 5-jährige Weiterbildungszeit im Fach Radiologie mit kompetenzbasiertem, überarbeitetem Weiterbildungscurriculum vorsieht. Zentraler Bestandteil sind neu definierte Richtzahlen für die unterschiedlichen radiologischen Untersuchungs- und Behandlungsverfahren. So werden für die Indikation, Durchführung und Befunderstellung von allen bildgebenden und bildgestützten interventionellen / endovaskulären Verfahren an der Mamma als Richtzahl 1.500 gefordert. Die Bayerische Landesärztekammer sieht aktuell eine Richtzahl von 2.000 vor. Unterstützung bei der Bearbeitung dieser Richtzahl erhalten Weiterbildungsassistentinnen und -assistenten am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Universitätsklinikums Würzburg durch das Lehr- und Lernkonzept „Blended Learning Mammadiagnostik“. Das Konzept besteht aus einer digital aufbereiteten Fallsammlung mit dem Schwerpunkt Mammographie. Entwickelt wurde es von einem Team des Instituts. Seit November 2021 steht die Fallsammlung als Premiumkurs auch auf der digitalen Lernplattform conrad der Deutschen Röntgengesellschaft zur Verfügung.